Elegoo Canvas Centauri Carbon

Das Elegoo Canvas System für Centauri Carbon installiert mit vier Filamenten in jedem Steckplatz

Der Elefant im Raum: Elegoo kommt spät

Als Elegoo letztes Jahr die Centauri Carbon vorstellte, reagierten viele von uns mit einem Pokerface. Ein kompetenter CoreXY-Drucker für 319 Dollar – aber ohne Multicolor-System. Das war wie ein Sportwagen ohne sechsten Gang: technisch funktional, aber mit dem Gefühl, dass etwas fehlt. Jetzt, fast ein Jahr später, erscheint der Canvas für die Centauri Carbon für 55 Dollar im Vorverkauf (etwa 45 Euro).

el sistema Elegoo Canvas para centauri carbon instalado y con cuatro filamentos en cada ranura

Und hier wird es interessant: Während wir mit einem Mindestpreis von rund 150 Dollar gerechnet hatten, setzt Elegoo ein deutliches Ausrufezeichen. Der Canvas kostet nicht nur ein Fünftel des Bambu Lab AMS (das bei etwa 239 Dollar liegt), sondern enthält zudem ein komplettes Hotend, PTFE-Schläuche und sogar einen verbesserten 5020-Lüfter. Allein das Hotend kostet separat fast so viel – das Angebot ist objektiv gut.

Die Frage ist: Reicht ein aggressiver Preis, wenn man als Letzter zur Party kommt? Auf dem Papier klingen die Specs vielversprechend. Es bleibt abzuwarten, ob das System im Alltag das hohe Tempo der Farbwechsel ohne Verstopfungen durchhält.

Technische Spezifikationen: Was der Canvas verspricht

Der Canvas für die Centauri Carbon verarbeitet bis zu 4 Filamente gleichzeitig – inklusive RFID-Erkennung. Keine modularen Erweiterungen wie beim AMS – es sind 4 Farben, Punkt. Die kompakten Abmessungen (168×68×95 mm) ermöglichen die Montage direkt auf dem Drucker, allerdings berichten Nutzer in Foren bereits, dass sich die obere Glasabdeckung mit montiertem Canvas nicht mehr schließen lässt.

Was mich wirklich aufhorchen lässt, ist die Liste der kompatiblen Materialien. Elegoo verspricht, dass das System problemlos mit PLA, PETG, ABS und ASA funktioniert. Sogar PC, PA und faserverstärkte Filamente werden erwähnt – aber mal ehrlich: Kaum jemand wird ein Elegoo PLA-CF Filament für 21,99 € in ein Multicolor-System einlegen. Der Verschleiß an den Zahnrädern durch Abrasivmaterialien wäre enorm.

Die empfohlene Druckgeschwindigkeit liegt bei 250 mm/s, das System soll bis zu 500 mm/s verkraften. Wie immer bei solchen Marketingzahlen gilt: Niemand druckt Multicolor mit diesen Geschwindigkeiten, wenn er ordentliche Ergebnisse haben möchte. 250 mm/s sind bei häufigen Farbwechseln bereits optimistisch.

Spezifikation Canvas Centauri Carbon Bambu Lab AMS
Aktueller Preis 55 USD (Vorbestellung) 239 USD
Gleichzeitige Farben 4 4 (erweiterbar auf 16)
RFID-Erkennung Ja Ja
Unterstützte Materialien PLA, PETG, ABS, ASA, PC*, PA* PLA, PETG, ABS, ASA, PC, TPU
Maximale Geschwindigkeit 500 mm/s (250 empfohlen) Nicht angegeben
Stromverbrauch 7 W Nicht angegeben

*Technische Materialien vom Hersteller als „geeignet" erwähnt, aber nicht empfohlen.

Die Preis-Falle: Bleibt der Preis nach dem Vorverkauf stabil?

Hier liegt mein größtes Fragezeichen beim Canvas. Ein Vorbestellungspreis von 55 Dollar klingt fast zu gut, um wahr zu sein – besonders wenn Komponenten enthalten sind, die einzeln mehr kosten würden. Hält Elegoo diesen Preis nach dem offiziellen Launch, könnte das die Spielregeln im Einstiegssegment für Multicolor-Druck tatsächlich neu schreiben.

das RFID-System des Elegoo Canvas für den Centauri Carbon der Lieferumfang des Elegoo Canvas für den Centauri Carbon auf weißem Hintergrund Elegoo Canvas für den Centauri Carbon von vorne

Aber seien wir ehrlich: Vorbestellungspreise sind oft nur Lockangebote. Es würde mich nicht wundern, wenn der Canvas nach Ende der Kampagne bei 99–120 Dollar landet. Selbst dann wäre er noch weniger als halb so teuer wie die direkte Konkurrenz.

Was mich mehr besorgt, ist der langfristige Support. Elegoo hat eine gemischte Bilanz bei Firmware-Updates, und ein Multicolor-System braucht kontinuierliche Weiterentwicklung. Nutzer des ursprünglichen Centauri Carbon berichten bereits von häufigen Problemen mit in den Zahnrädern steckengebliebenem Filament — mehr Multicolor-Komplexität hinzuzufügen, ohne die grundlegenden Probleme zu lösen, macht mich skeptisch.

Klare Einschränkungen: Es geht nicht nur um den Preis

Im Vergleich zu ausgereifteren Systemen hat der Canvas deutliche Schwächen. Die offensichtlichste: Er ist nicht für technische Materialien ausgelegt. Wer ASA mit Kohlefaserverstärkung oder Ähnliches drucken möchte, schaut in die Röhre. Die Einzugszahnräder und das Erkennungssystem sind nicht für Abrasivmaterialien konzipiert.

Eine weitere Einschränkung, die Early Adopter berichten: die Druckzeiten. Nutzer in Foren erwähnen, dass der Centauri Carbon 2 bereits bei normalen Drucken die Zeiten unterschätzt — mit Multicolor verschärft sich das Problem. Jobs, die der Slicer auf 10 Stunden schätzt, können bei häufigen Farbwechseln leicht auf 13–15 Stunden anwachsen.

Dazu kommt das Thema Lautstärke. Der Canvas fügt dem Gesamtsystem 4 zusätzliche Motoren und weitere Lüfter hinzu. Wer den Centauri Carbon schon als laut empfindet, sollte sich auf noch mehr Geräuschpegel einstellen. Das ist definitiv kein System für ein Zimmer, in dem man schläft.

Für wen lohnt sich das Warten auf den Canvas?

Wer bereits einen Centauri Carbon besitzt und von Mehrfarbdruck neugierig ist, findet im Vorbestellungspreis ein verlockendes Angebot. Für 45 Euro kann man kaum viel falsch machen — vor allem, wenn man hauptsächlich mit PLA und PETG arbeitet. Für Dekorationsprojekte, Beschilderung oder farbcodierte Prototypen könnte er genau das Richtige sein.

der vollständige Lieferumfang des Elegoo Canvas für den Centauri Carbon

Wer hingegen komplett neu in die Welt des Mehrfarbdrucks einsteigen möchte, sieht die Sache anders. Für 449 Dollar konkurriert das Centauri Carbon 2 Combo (Drucker + Canvas) direkt mit etablierteren Alternativen. In dieser Preisklasse würde ich mir ernsthaft Systeme mit einer besseren Erfolgsbilanz beim Mehrfarbdruck ansehen.

Meine Prognose: Wenn der Canvas bei langen Farbwechseln eine gleichmäßige Temperatur hält und nicht ständig verstopft, hat Elegoo das Budget-Segment getroffen. Stellt sich heraus, dass die 4 Farben eher „2 Farben und 2 Verstopfungsversuche" bedeuten, ist es ein weiteres günstiges System, das mehr Frust als Freude bereitet. Der Einstiegspreis ist niedrig genug, um das Risiko einzugehen — Wunder sollte man jedoch keine erwarten.

Wer Zuverlässigkeit über den Preis stellt, ist mit monochromen Harzen immer gut beraten. Manchmal liefert eine sorgfältige Nachbearbeitung mit Farbe professionellere Ergebnisse als jedes Mehrfarbsystem. Allerdings muss ich zugeben: Für bestimmte Anwendungen – wie funktionale Teile mit integrierten Farbcodes oder Lehrmodelle – gibt es keinen Ersatz für direkten Mehrfarbdruck.

Empfohlene Materialien: ein realistischer Blick

Obwohl Elegoo Kompatibilität mit PC und PA angibt, seien wir ehrlich: Der Canvas ist auf PLA und PETG optimiert. Diese Materialien erfordern niedrigere Extrusionstemperaturen, neigen weniger zu Verstopfungen und verhalten sich bei Retracts deutlich vorhersehbarer.

Wer wirklich mit technischeren Materialien experimentieren möchte, sollte zunächst PETG ausprobieren, bevor er zu ABS oder ASA wechselt. PETG bietet bessere Chemikalien- und Temperaturbeständigkeit als PLA – ohne die Belüftungsprobleme von ABS. Für Anwendungen mit höheren mechanischen Anforderungen stehen spezialisierte Filamente für den 3D-Druck mit einem einzelnen Extruder zur Verfügung – manchmal ist es sinnvoller, zwei separate Teile aus dem richtigen Material zu drucken, als ein farblich kompromittiertes Mehrmaterialteil.

Ein interessantes Detail: Der Canvas verfügt über eine Verwicklungserkennung. Da Verwicklungen der häufigste Albtraum bei Multifilament-Systemen sind, ist es zumindest positiv zu sehen, dass Elegoo das Problem anerkennt. Ob es in der Praxis funktioniert, steht auf einem anderen Blatt – aber der Ansatz ist lobenswert.

Zum Vergleich: Im Bereich Resin-Druck sieht die Lage anders aus. Materialien wie Anycubic Tough 2.0 oder Anycubic Tough Ultra bieten mechanische Eigenschaften, die mit FDM-Mehrfarbdruck unerreichbar sind. Wer Stabilität über Mehrfarboptik stellt, kommt an strapazierfähigen Harzen nach wie vor nicht vorbei.

Fazit: vielversprechend – mit Einschränkungen

Der Canvas für den Centauri Carbon ist genau das, was man von Elegoo erwartet: kompetente Hardware zu einem aggressiven Preis – mit Fragezeichen bei der finalen Umsetzung. Erfüllt er, was auf dem Papier versprochen wird, ist er das günstigste Mehrfarbsystem auf dem Markt. Entpuppt er sich als weiteres Beta-Projekt, das als fertiges Produkt verkauft wird, hat man zumindest nur 45 Euro statt 240 Euro verloren.

Elegoo Canvas instalado en la centauri carbon conn cuatro filamentos

Meine Empfehlung: Wer bereits einen Centauri Carbon besitzt und der Preis niedrig bleibt, für den lohnt sich das Experiment. Wer hingegen neu einsteigen möchte, sollte echte Praxisberichte nach dem Launch abwarten. Der Unterschied zwischen „kann 4 Farben verarbeiten" und „verarbeitet 4 Farben zuverlässig ohne Probleme" ist im Alltag enorm.

Und nicht vergessen: Mehrfarbdruck ist keine Pflicht. Ein sauber ausgeführter einfarbiger Druck mit dem richtigen Material übertrifft oft jedes kompromittierte Mehrfarbteil. Aber ich verstehe die Versuchung nur zu gut – zu diesem Preis würde ich die Vorbestellungsseite wohl selbst im Sekundentakt aktualisieren.

Viel Spaß beim Drucken 😎